Veranstaltung JI-Kärnten

21.05.2016

Die Verzweiflung ist höher als der Zaun

Die Sicht von der anderen Seite des Mittelmeers aus

Ein strahlend schöner Samstagnachmittag am Wörthersee – wohl der erste Tag in diesem Jahr mit richtig sommerlichen Temperaturen. Der Wettergott hat es gut mit der Kärntner Jungen Industrie gemeint, als sie zu Vortrag und Diskussion mit Karim El-Gawhary lud. Doch schnell stellt sich heraus, dass das Wetter von uns ebenso wenig beeinflussbar ist, wie unser Geburtsort. „Es ist reine Glückssache“, sagt El-Gawhary, „wo Sie geboren wurden – in Klagenfurt, München, Paris oder Damaskus, Mossul, Aleppo“. Und damit sind wir mitten im Thema, welches der ORF-Nahost-Korrespondent und Concordia-Preisträger mit einfühlsamen und berührenden Worten näher bringt. Der Sohn einer Deutschen und eines Ägypters bringt es in seinen Ausführungen immer wieder auf den Punkt, dass es eine Sichtweise von diesseits und jenseits des Mittelmeers gibt – der Kairo-Korrespondent erzählt „von seiner Seite des Mittelmeers“ und führt damit auch die einseitige europäische Betrachtung vor Augen.

Auf der Flucht
Letztes Jahr haben die Korrespondenten Karim El-Gawhary und Mathilde Schwabeneder das Buch „Auf der Flucht – Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers“ geschrieben. Er erzählt einige der bedrückenden Geschichten daraus. Schicksale, die man im behüteten Europa kaum nachzuvollziehen vermag, wie jenes von Soha, einer Syrerin, der die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer zum Horror wurde. Das Schlepper-Boot sank und Soha hatte für sich und ihre vier Kinder nur eine Schwimmweste. Vor ihren Augen verlor die Mutter drei ihrer Kinder an die Fluten. Die Journalisten geben „den Flüchtlingen“ durch ihre Geschichten einen Namen, ein Gesicht. El-Gawhary ist überzeugt, dass so in kleinen Schritten Verständnis für dieses globale Thema geschaffen werden kann. Und es sind auch Reportagen über bislang gut situierte, der oberen Mittelschicht angehörende Syrer, die durch Krieg und Repression zur plötzlichen Flucht gezwungen wurden. Die Ersparnisse und alles Wertvolle werden da schnell gepackt, mit dem Handy kommen die Erinnerungen an das alte Leben und rasch abfotographierte Dokumente und Diplome mit. Und dann folgt für viele ein gefährlicher Weg in die Ungewissheit. Aber in Europa oder am Weg dorthin ist nur ein kleiner Teil – die meisten, nämlich 90% von ihnen, flüchtet in die direkten Nachbarländer. So ist im Libanon mittlerweile jeder vierte Einwohner ein Geflohener. „Die Flüchtlingssonne dreht sich nicht um Europa“, formuliert es El-Gawhary überspitzt. Und es sei „ein Armutszeichen“ für Europa, wie sich die Politik von der Realität vor sich her treiben lässt, wie es zu einer wahren Krise der Solidarität gekommen ist, beurteilt der Korrespondent.

Perspektiven sind anziehend
Es sei nicht mehr angebracht, darüber zu diskutieren, ob Flüchtlinge nach Europa kommen. Der Fokus müsse nun darauf liegen, wie man mit der Situation umgehe. Für El-Gawhary reduziert sich alles auf zwei Optionen, nämlich ob Europa an der sogenannten Flüchtlingskrise scheitert oder sie als Herausforderung annimmt und an ihr wächst. Dass die Bürger hierzulande verunsichert und in Sorge sind, sei völlig nachvollziehbar. Doch Europa könne sich nicht völlig von der arabischen Welt abkoppeln. Sie ist ihre direkte Nachbarregion und man müsse verstehen, dass die Verzweiflung der Menschen dort, oder am afrikanischen Kontinent, immer ein Stück höher ist, als der gerade höchste europäische Grenzzaun. Man werde nicht umhin kommen, in der Region zu helfen, auch wenn es für Konflikte wie jene in Syrien sicherlich keine Patentrezepte gibt. Eine Form der Unterstützung liege jedenfalls in der Bildung. Es drohe nämlich eine verlorene Generation – Kinder, die auf der Flucht ohne Bildung aufwachsen. Und gerade Perspektiven ziehen Menschen in Richtung Europa – Sicherheit, Stabilität, Freiheit und eben auch Bildung.