Thema JI-Oberösterreich

01.05.2016

Vorsitzender der JI und Vorsitzender der ÖGJ im Interview

Der Vorsitzende der Jungen Industrie (JI) Oberösterreich, Mario Haidlmair und der Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) Oberösterreich, Dominik Wührer wurden unlängst vom Wirtschaftsmagazin DIE MACHER zum Interview gebeten.

„WIR JUNGEN HABEN DIE SCHNAUZE VOLL“

Der Vorsitzende der Jungen Industrie (JI) Oberösterreich, Mario Haidlmair, und der Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) Oberösterreich, Dominik Wührer, an einem Tisch. Eine Konstellation, die viel Konfliktpotential erwarten lässt. Doch die Jungen überraschen. Mit klaren Worten in der gleichen Sprache.
 

Die Jungen gelten oft als revolutionär und aufmüpfig. Wie ist das bei euch?

HAIDLMAIR_Für die Revoluzzer, die es einmal gegeben hat, ist nicht mehr die richtige Zeit. Aber der Frust über den Stillstand, den es aktuell gibt, ist gewaltig. Das Hauptproblem ist, dass die Politik populistischer wird und auch die Verbände hinter den Parteien zu sehr damit beschäftigt sind, sich zu profilieren und gegenseitig anzuschwärzen und daher wenig zusammenbringen. Das Gegenseitige wird vorne und das Gemeinsame hinten angestellt. Ich sehe durch mein freiwilliges Engagement sehr oft, dass es um persönliche Sachen geht, wo Leute nicht miteinander reden, bei denen es aber dringend notwendig wäre. Oder dass eine Person einen Posten ohne ausreichende Qualifikationen bekommt, weil sie ein Spezi von irgendjemanden ist.

WÜHRER_Auch wenn Maßnahmen richtig sind, werden sie von anderen Standpunkten so lange unter Kritik genommen und darüber geredet, bis das Thema nicht mehr aktuell ist und man es in die Schublade legt. Und dann holt man sich das nächste Thema und redet darüber. So ist es auch in der derzeitigen Sozialpartnerschaft, die einmal sehr erfolgreich war und das Land nach dem Krieg vorangebracht hat. Solange man nur darüber redet und nichts tut, hat man genau diesen Stillstand, den wir nicht wollen und den wir uns nicht leisten können. Denn es geht um unsere Zukunft.

HAIDLMAIR_Wir Jungen haben die Schnauze voll.
 

Könnt nicht ihr Jungen den nötigen Anstoß für mehr Bewegung in der Politik geben?

HAIDLMAIR_Wir sind jung und müssen den Umgang mit den Medien und der Politik einmal lernen und bis man das hat, ist man schnell wieder bei der nächsten Stufe angelangt. Die Älteren und die Pensionisten haben schon viel mehr Erfahrung und wissen, wie Österreich tickt und welche Fäden man ziehen muss. Es kann nicht sein, dass die Pensionisten, die im letzten Lebensabschnitt sind, sehr viel bestimmen, und das Thema Bildung, das unsere Zukunft ist, immer wieder untergeht. Jeder fünfte Steuereuro geht in die Pensionen. Wir werden als Betrieb (Haidlmair-Gruppe) angeschrieben, damit wir den Schulen Sessel kaufen, weil keine Gelder da sind, um die 30 Jahre alten Sessel auszutauschen. Ein anderes Beispiel ist die HTL Steyr, die sicher eine der besten HTL in Österreich ist und trotz allem noch immer dieselben Maschinen hat wie vor fünfzehn Jahren, als ich die Ausbildung gemacht habe.

WÜHRER_Die Fluktuation in unseren Ausschüssen ist eine große Herausforderung. Aber es ist wichtig, dass wir mit der Schnelllebigkeit richtig umgehen und sagen, was uns wichtig ist.

HAIDLMAIR_Es ist die Aufgabe der Jugendorganisationen, dass man Ideen aufwirft und diese so verkauft, dass sie die Politik vielleicht doch irgendwann einmal aufgreift. Es ist unsere Aufgabe dranzubleiben.
 

Was sind konkrete Ideen von euch, die von der Politik aufgegriffen werden sollen?

HAIDLMAIR_Die ÖGJ und die JI Oberösterreich sind sich einig, dass die drei Themen Bildung, Lehrausbildung und der Ausbau der Kinderbetreuung in der Vergangenheit zu kurz gekommen sind. Ich finde es frustrierend, dass sich gerade bei der Bildung in der Politik immer alle quer stellen und dass das geduldet wird. Wir sind ein internationaler Betrieb und sehen, dass unsere Jungen im internationalen Vergleich nach der Lehre sehr gut ausgebildet sind. Das müssen wir uns erhalten und noch weiter ausbauen. Wir machen seit 20 Jahren immer den gleichen Aufnahmetest für Lehrlinge und sehen, dass die durchschnittlichen Testergebnisse schlechter werden. Da gibt es einen Aufholbedarf, weil eigentlich müssten wir ja besser werden.

WÜHRER_Die Stärkung der Lehre ist etwas Essentielles für die Standortsicherung Österreichs. Konkrete Vorschläge dafür von uns beiden: Die Ausbildung für Berufsschullehrer soll attraktiver werden. Die Lehre mit Matura gehört weiter ausgebaut und zwischen den Betrieben und den Ausbildungsträgern besser abgestimmt. Teilweise finden die Kurse während der Arbeitszeit statt und dann ist es für die Lehrlinge unmöglich, daran teilzunehmen. Die überbetriebliche Lehrausbildung sollte kritisch hinterfragt werden. Sie wurde in Zeiten eingeführt, als es zu wenige Lehrstellen gab. Mittlerweile hat sich der Trend aber umgekehrt, es gibt weitaus mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende. Man schafft hier eine Art „Lehrlinge zweiter Klasse“, da sie im ersten und zweiten Jahr nur eine Deckung des Lebensunterhaltes in Höhe von 294 Euro bekommen.

HAIDLMAIR_Berufsschulen und Unternehmen sollen etwa durch Gastvorträge oder Firmenexkursionen mehr kooperieren und auch die Polytechnischen Schulen gehören überdacht, weil sie so nicht mehr zeitgemäß sind. Die Jugendlichen sollen praxisnäher unterrichtet werden.

WÜHRER_Da muss nur einmal ein Landesschulinspektor den Mut haben, das zu probieren.
 

Es wird aber auch Themen geben, wo ihr verschiedener Meinung seid. Welche sind das?

HAIDLMAIR_Diese kennen wir nicht, denn darüber haben wir noch nicht geredet. Für das gibt es die Mutterorganisationen, die decken die Gegensätze gut ab – das brauchen die Jungen nicht auch noch machen. Wir haben eine ganz andere Vorgehensweise: Wir stellen das Gemeinsame voran und mit dem Vertrauen, das man dadurch gewinnt, kann man das Gegensätzliche überbrücken und zu Lösungen kommen. Wenn man nur über das Gegensätzliche spricht, ist man so weit entfernt, dass man das Gemeinsame nicht mehr erreicht und dann passiert nichts.

WÜHRER_Die Mutterorganisationen können sich von uns die Zusammenarbeit abschauen. Wir treffen uns und reden miteinander und beschimpfen uns nicht gegenseitig über die Medien. Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass dann nicht mehr nur wir zwei dasitzen, sondern auch die Vorsitzenden unserer Mutterorganisationen und diese dann auch so eine Gesprächskultur wie wir jetzt haben.
 

Was schätzt ihr am Wirtschaftsstandort Oberösterreich und mit welchen Gefühlen blickt ihr in die Zukunft?

WÜHRER_Wir haben in Oberösterreich eine wahnsinnig gute Basis, um etwas daraus zu machen. Wir müssen dran bleiben, damit sich die Ausgangssituation verbessert, denn wenn man nichts tut, fällt man zurück.

HAIDLMAIR_Industrie 4.0 ist eine riesen Chance für Oberösterreich, denn wir haben mit den Fachhochschulen Hagenberg, Wels, Steyr und der Johannes Kepler Universität in Linz alle Disziplinen, die man dafür braucht. Mit der neuen Medizin-Universität haben wir etwas Zusätzliches, wo wir keine große Industrie dahinter haben und dementsprechend hatte sie für uns nicht die oberste Priorität. Aber jetzt muss man das Beste daraus machen und das mit der Technik vernetzen, wo wir Betriebe haben. Ich hoffe, dass die Politik aus dem Rad, wo sie gerade drinnen ist, wieder rauskommt und dann bin ich schon optimistisch. Es gibt dafür auch zaghafte Anzeichen. Die Themen liegen schon bei der Regierung, aber sie bringen nichts zusammen, weil sie davor schon über die Gegensätze stolpern.

WÜHRER_Ich würde das mit einem Hamsterrad vergleichen. Solange man nicht permanent daran arbeitet, dass das Rad stehen bleibt, indem man die anfallenden Arbeiten erledigt, wird sich das Rad weiterdrehen und man kommt überhaupt nicht mehr raus. Und umso schneller sich das Rad dreht, desto schwieriger wird es aus diesem raus zu kommen.

 

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