JI.Ktn

Der Virus-Jäger

Der Chemiker Sebastian Maurer-Stroh aus der bekannten Klagenfurter Spirituosen-Dynastie ist in Singapur gelandet, wo er im Forschungsinstitut A*Star an vorderster Front gegen das Corona-Virus kämpft. Der Kärntner Jungen Industrie gewährte er Mitte April im Online-Gespräch Einblicke in seine spannende Arbeit.

Erfolgreiche Kärntner Manager erzählen mit Dr. Sebastian Maurer Stroh

Seine Familie sehe im Augenblick wenig von ihm, bedauert Sebastian Maurer-Stroh. Aber sie habe Verständnis dafür, dass jetzt sein voller Arbeitseinsatz im Kampf gegen das Virus nötig sei. Er und sein Team bei A*Star sind Teil von GISAID, einem vom Deutschen Peter Bogner gegründeten weltweiten Netzwerk von Wissenschaftlern, die den möglichst raschen und vollständigen Zugang zu den Genomdaten von u.a. SARS-Cov-2-Viren fördern: permanent auf der Jagd nach neuen Mutationen, die sequenziert, in die Datenbanken eingespeist und auf ihrem Weg über den Erdball verfolgt werden. Das liefert wertvolle Grundlagen für die Impfstoffhersteller genauso wie für die Verantwortlichen in den Ländern, die Maßnahmen gegen die Ausbreitung ergreifen. Gerade für die Teststrategien ist das von besonderer Bedeutung. Nicht in allen Regionen beteiligt man sich gleich intensiv an der Sequenzierung. Die USA etwa, sind ziemlich spät eingestiegen, Großbritannien war von Anfang an vorne dabei.

Wertvolle Bioinformatik

Damit ist auch schon ein zentraler Schwerpunkt der überaus komplexen so genannten Bioinformatik definiert, die Maurer-Strohs berufliche Heimat geworden ist. Es geht vereinfacht darum, mit computergestützten Modellen und Algorithmen Probleme der Biologie und Medizin zu lösen oder überhaupt erst sichtbar zu machen. Maurer-Stroh zeigt 3D-Bilder von Proteinen der Viren und deren Mutationen. Selbst Laien können sich gut vorstellen, wie wertvoll die Methoden der Bioinformatik bei der Integration von Unmengen biologischer Daten sind, die bei der Sequenzierung von Corona-Viren verarbeitet werden müssen.

Das ist aber bei weitem nicht der einzige Anwendungsbereich. Maurer-Strohs Team bei A*Star beschäftigt sich im Auftrag von Nahrungsmittel- oder Kosmetikherstellern etwa auch mit Proteinen als Enzymen, die synthetische Geschmacks- und Geruchsstoffe tragen. Da können schon allein durch Ähnlichkeiten im 3D-Modell mit in der Natur vorkommenden Enzymen z.B. unerwünschte Eigenschaften wie allergische Reaktionen mit höherer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Die Bioinformatik hilft dadurch, die Erfolgsrate neuer Produkte zu verbessern.

Für Maurer-Stroh ist dieser Schwerpunkt der Forschung bei A*Star keineswegs Zufall. Seine neue Heimat Singapur war bei Lebensmitteln stets auf Importe angewiesen. Von jeher liefen hier daher große öffentliche Programme für Alternativen wie im Labor gewachsene vegetarische Burger oder vegetarisches Hühnerfleisch.

Großmutters Kräuterkammer

Ausführlich erklärt Maurer-Stroh, wie das Corona-Virus an menschlichen Zellen andockt, wie die Bindungsstellen bei unterschiedlichen Mutationen aussehen und die Impfstoffe wirken. Er bricht aber auch eine Lanze für das COVAX-Programm der Weltgesundheitsorganisation, das möglichst vielen Staaten der Erde einen Zugang zu Impfstoffen bringen soll. Beeindruckt zeigt sich Maurer-Stroh auch davon, wie schnell es die Wissenschaft geschafft habe, wirksame Impfstoffe zu entwickeln und produzieren. Schwieriger sei es bei den Medikamenten, weil da erst eine ausreichend große Zahl von zu untersuchenden Fällen vorliegen müsse.

Maurer-Stroh leitet eine Gruppe von 77 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er blickt auf eine beeindruckende Liste von 172 Publikationen in prominenten Medien und unzählige Zitierungen zurück. Beachtlich, was der Klagenfurter Chemiker nach seiner fast normalen Kindheit in Klagenfurt und dem mit Auszeichnung absolvierten Studium der theoretischen Chemie in Wien bereits erreicht hat. Letztlich habe ihn dann aber auch die Spirituosenerzeugung nicht unwesentlich geprägt. Er erinnert sich daran, wie natürlich gebrannter Schnaps aussieht und ganz besonders daran, wie ihn seine Großmutter in ihre tausendfach duftende Kräuterkammer führte. Das habe ihn zur Chemie gebracht, meint er lächelnd.